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Warum wir in der Vorweihnachtszeit gereizter reagieren – und was Paaren hilft

Die Wochen vor Weihnachten gelten als Zeit der Besinnlichkeit. In der Realität erleben viele Paare jedoch genau das Gegenteil: steigende Anforderungen, wenig Erholungsphasen und ein Gefühl von „alles gleichzeitig“. In der Paartherapie zeigt sich in dieser Zeit regelmäßig, wie schnell alltägliche Missverständnisse eskalieren können.
Dafür gibt es nachvollziehbare psychologische und physiologische Gründe.

Stress verändert unsere Wahrnehmung – und damit die Art, wie wir miteinander sprechen

Die Stressforschung zeigt klar: Unter hoher Belastung schaltet das autonome Nervensystem schneller in einen Alarmzustand. Herzfrequenz und Muskeltonus steigen, und das Gehirn fokussiert automatisch auf mögliche Bedrohungen. Der präfrontale Cortex – zuständig für Emotionsregulation, Perspektivübernahme und Problemlösung – arbeitet dann eingeschränkt.

In Partnerschaften führt das dazu, dass:

  • neutrale Aussagen schneller als Kritik gehört werden,

  • kleine Irritationen überproportional wirken,

  • Geduld und Empathie rasch abnehmen,

  • Lösungsversuche misslingen, weil beide bereits unter Hochspannung stehen.

John Gottman beschreibt diesen Zustand als „flooding“: eine physiologische Übererregung, bei der konstruktive Kommunikation kaum mehr möglich ist. Paare streiten dann nicht, weil ihnen „der gute Wille fehlt“, sondern weil ihr Nervensystem überlastet ist.

Warum die Vorweihnachtszeit besonderen Druck erzeugt

Die meisten Menschen erleben im Dezember eine Kombination aus mehreren Stressoren:

  • Mehr organisatorische Anforderungen: berufliche Deadlines, Abschlusstermine, familiäre Verpflichtungen.

  • Erwartungsdruck: der Anspruch, „harmonisch“ feiern zu müssen.

  • Weniger Erholung: kurze Tage, weniger Licht, weniger Bewegung.

  • Finanzielle Belastungen: zusätzliche Ausgaben, Planungsdruck.

Diese Faktoren summieren sich. Das Nervensystem ist dadurch schneller erregt, und Paare reagieren gereizter – oft ohne den eigentlichen Grund zu erkennen.

Wie Paare in angespannten Zeiten miteinander in Verbindung bleiben

Die Forschung zeigt klar: Es sind nicht große Gesten, die Beziehungen stabilisieren, sondern kleine, regelmäßige Formen der Zuwendung. Gottman nennt sie „Bids for Connection“ – Annäherungsversuche, mit denen wir Kontakt, Verständnis oder Nähe suchen.

Unter Stress gehen diese Signale jedoch schnell verloren oder werden nicht wahrgenommen.

Was hilft?

1. Physiologische Selbstregulation

Ein kurzes Innehalten, bewusstes Atmen oder ein paar Minuten Abstand können Flooding oft verhindern.
Erst wenn der Körper beruhigt ist, wird wieder Verbindung möglich.

2. Kleine Momente des In-Kontakt-Bleibens

Beispiele:

  • Eine kurze Umarmung, bevor man über Organisatorisches spricht.

  • Ein neutrales „Wie geht’s dir gerade wirklich?“ zwischendurch.

  • Zuhören, ohne sofort Lösungen zu suchen.

Diese Mikro-Interaktionen stärken das Gefühl von Verbundenheit – gerade dann, wenn die Zeit knapp ist.

3. Realistische Erwartungen

Viele Konflikte entstehen nicht durch „mangelnde Liebe“, sondern durch überhöhte Vorstellungen davon, wie die Vorweihnachtszeit verlaufen sollte. Paare, die Prioritäten bewusst reduzieren, reduzieren oft auch Konflikte.

4. Verständnis statt Interpretation

In Stressphasen reagieren Menschen stärker aus automatischen Mustern heraus. Ein genervter Tonfall bedeutet selten Ablehnung – häufig ist es Überlastung. Diese Differenzierung entschärft viele Situationen sofort.

Wenn Stress zu wiederkehrenden Konflikten führt

Manche Konfliktthemen sind perpetual, wie Gottman beschreibt – sie verschwinden nicht, sondern tauchen in bestimmten Belastungsphasen stärker auf.
Die Frage lautet daher nicht: Wie lösen wir das ein für alle Mal?
Sondern: Wie können wir besser damit umgehen, wenn es wiederkommt?

Hier hilft auch psychodramatisches Arbeiten, indem Rollen, Bedürfnisse und Erwartungen sichtbar und erlebbar werden. Viele Paare erleben dadurch erstmals, wo sie aneinander vorbeigehen – und wie sie wieder in Kontakt kommen können.

Fazit

Die Vorweihnachtszeit bringt eine Verdichtung von Belastungen mit sich, die sich direkt auf die Qualität von Paarinteraktionen auswirkt.
Wenn Paare verstehen, wie Stress das Nervensystem beeinflusst, entwickeln sie mehr Mitgefühl – für sich selbst und füreinander. Und kleine, bewusst gesetzte Momente der Verbundenheit können genau dann besonders stärkend wirken.

© Angela Christoph 2025

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