Einsamkeit – zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und persönlichem Erleben
Beim Lehrbeauftragtentreffen des Moreno Instituts Edenkoben/Überlingen in Würzburg hatte ich die Gelegenheit, einen Vortrag von Udo Rauchfleisch zu hören. Der Psychoanalytiker und Buchautor sprach über Einsamkeit als gesellschaftliches Phänomen und als individuelles Erleben – mit vielen Bezügen zur therapeutischen Praxis.
Rauchfleisch definierte Einsamkeit als die Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich erlebten Beziehungen. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl sozialer Kontakte, sondern das subjektive Empfinden von Verbundenheit. Einsamkeit entsteht dort, wo Nähe, Resonanz und Zugehörigkeit fehlen – selbst inmitten anderer Menschen.
Besonders eindrücklich war seine Beschreibung von Einsamkeit als Gefühl von Ohnmacht. Sie tritt häufig in Situationen auf, die sich nicht einfach verändern lassen: bei Krankheit, in Umbruchsphasen, nach Verlusten oder bei struktureller Ausgrenzung. Einsamkeit ist damit nicht nur ein persönliches Thema, sondern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Bedingungen.
In der anschließenden Diskussion wurde ergänzt, dass Einsamkeit oft mit dem Erleben von Ausgeschlossen-Sein verbunden ist. Neurobiologische Studien zeigen, dass soziale Zurückweisung ähnliche Hirnareale aktiviert wie körperlicher Schmerz. Einsamkeit „tut weh“ – im wörtlichen Sinn.
Was bedeutet das für die therapeutische Arbeit?
In meiner Arbeit mit Klient:innen begegne ich Einsamkeit in sehr unterschiedlichen Formen: als leise innere Leere, als schmerzhaftes Gefühl des Nicht-Dazugehörens oder als Rückzug nach belastenden Beziehungserfahrungen. Dabei geht es selten nur um „mehr Kontakte“, sondern um die Qualität von Beziehung – zu anderen und zu sich selbst.
Therapeutisch bedeutet das, Einsamkeit nicht vorschnell als individuelles Defizit zu betrachten. Vielmehr braucht es Räume, in denen Erfahrungen von Resonanz, Sicherheit und Zugehörigkeit möglich werden. Gleichzeitig ist es wichtig, die Lebensumstände, Beziehungsmuster und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitzudenken, die Einsamkeit begünstigen oder verstärken können.
Einsamkeit darf ernst genommen werden – nicht als Schwäche, sondern als verständliche Reaktion auf das, was Menschen erleben.
Der Vortrag und der kollegiale Austausch in Würzburg waren für mich eine wertvolle fachliche Anregung und eine Erinnerung daran, Einsamkeit als vielschichtiges Thema zu betrachten: zwischen innerem Erleben, Beziehungsgestaltung und sozialen Rahmenbedingungen.
© Angela Christoph 2025
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