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Gut weitergehen statt neu anfangen

Der Jahresbeginn fühlt sich für viele Menschen nicht wie ein Aufbruch an, sondern eher wie ein Übergang.
Nach den Feiertagen ist da oft weniger Energie als erwartet. Manchmal zeigen sich Müdigkeit, Ernüchterung oder eine leise Leere – begleitet von dem Gedanken: „Ich sollte eigentlich …“

Gerade der Jänner ist voll von Aufforderungen: neu starten, besser werden, sich verändern. Doch was, wenn genau das im Moment nicht passt?

Der Druck des Neubeginns

Die Idee des „Neuanfangs“ klingt verlockend. Sie verspricht Klarheit, Motivation und einen sauberen Schnitt. In meiner Arbeit erlebe ich jedoch oft, dass dieser Anspruch zusätzlichen Druck erzeugt. Wer müde ist, innerlich sortiert oder noch nicht weiß, wohin die eigene Bewegung gehen soll, erlebt den Ruf nach dem Neubeginn eher als Überforderung.

Aus psychotherapeutischer Sicht ist das gut nachvollziehbar. Veränderung geschieht selten abrupt. Sie entwickelt sich meist aus Prozessen, die längst im Gange sind – leise, schrittweise und nicht immer sofort sichtbar.

Übergänge brauchen Zeit

Ein Jahreswechsel ist kein innerer Reset-Knopf. Gefühle, Belastungen, Beziehungsthemen oder offene Fragen verschwinden nicht mit dem Kalenderblatt. Übergänge brauchen Zeit, um innerlich nachzukommen.

Viele Menschen berichten mir im Jänner von:

  • einer gewissen Müdigkeit oder Antriebslosigkeit

  • erhöhter Reizbarkeit

  • dem Wunsch nach Rückzug

  • oder Unsicherheit darüber, wie es nun weitergehen soll

All das ist kein Zeichen von Schwäche. Oft ist es Ausdruck eines inneren Sortierens – eines noch nicht abgeschlossenen Übergangs.

Gut weitergehen statt neu anfangen

„Gut weitergehen“ bedeutet nicht, stehen zu bleiben. Es heißt, anzuerkennen, dass bereits etwas in Bewegung ist – auch wenn es unspektakulär wirkt oder sich noch unklar anfühlt.

Gut weitergehen kann bedeuten:

  • nichts Neues zu beginnen, sondern Bestehendes zu stabilisieren

  • genauer hinzuschauen, was sich im letzten Jahr bereits verändert hat

  • Grenzen ernster zu nehmen als Vorsätze

  • kleine, stimmige Anpassungen zuzulassen statt großer Pläne

Manchmal ist Weitergehen kein Schritt nach vorne, sondern ein bewusstes Innehalten, das Orientierung ermöglicht.

Veränderung ist kein Vorsatz

In der Psychotherapie zeigt sich immer wieder: nachhaltige Veränderung entsteht nicht aus Disziplin oder Selbstoptimierung. Sie entsteht aus Verstehen, aus Beziehung und aus innerer Zustimmung.

Das gilt auch für den Jahresbeginn. Wer sich erlaubt, nicht neu anfangen zu müssen, schafft oft erst den Raum, in dem echte Entwicklung möglich wird.

Eine Einladung zum Jahresbeginn

Vielleicht ist dieser Jänner kein Monat für große Entscheidungen. Vielleicht ist er ein Monat des Wahrnehmens, des Ordnens und des Atemholens. Ein Monat, in dem es reicht, gut weiterzugehen – in dem Tempo, das im Moment möglich ist.

Und manchmal ist genau das der Beginn von etwas Wesentlichem.

© Angela Christoph 2025

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